Projekt PANCH 2000

1. Geschichte

Im Jahre 1977 führte der TASPO-Steelbandpionier Stirling Betancourt in der Schweiz mehrere Workshops durch, in denen interessierte Teilnehmer lernen konnten, ein Steelpan zu bauen. Seit damals hat sich die Zahl der Steelbands in der Schweiz kontinuierlich erhöht. Heute, im Jahr 2001, zählen wir etwa 150 Bands. Vermutlich hat die schweizerische Karnevalstradition massgeblich zur Verbreitung der Steelbands beigetragen. Die durchschnittliche Mitgliederzahl einer Schweizer Steelband beträgt 10 bis 15 Personen, darunter meist mehr als die Hälfte Frauen.

Der Begriff PANCH entstand aus dem Wort Pan und dem lateinischen Name der Schweiz Confoederatio Helvetica. PANCH ist ein nichtprofitorientierter Verein mit dem Ziel, die Steelbandkultur in der Schweiz zu fördern. Zu den Initatianten Martin Grah und Matthias Kauer stiessen bald weitere in der Schweiz lebende Steelpanlehrer: Junior Edwards, Gary Padmore, Tamla Batra und Walter Chiment kamen dazu, später auch Patrik Bernhard und Claudio Pini. Die Gründung des Vereines PANCH erfolgte im Januar 2000. Die Anzahl Mitglieder beträgt per Juni 2001 um die 140, alles Schweizer Pan-Enthusiasten. Die Homepage des Vereins heisst www.panch.ch und gibt Auskunft über durchgeführte Projekte und zukünftige Aktivitäten.

2. Das erste Europäische Steelband Festival

Das erste Projekt von PANCH bestand darin, in der Schweiz eine grosse Steelband mit etwa 50 SpielerInnen zu schaffen und mit dieser Band am ersten europäischen Steelbandfestival im Mai 2000 in Paris teilzunehmen. Durch dieses Festival konnten sich Bands für die Teilnahme am World Steelband Festival 2000 (WSF 2000) in Trinidad und Tobago qualifizieren. Innerhalb von nur einem Monat fanden sich über 50 Spielerinnen und Spieler aus verschiedenen Steelbands der Schweiz, die Interesse bekundeten, mitzumachen. Nach der Auswahl von zwei geeigneten Stücken, wurden mindestens einmal pro Woche regionale Proben durchgeführt und jedes zweite Wochenende Proben für die komplette Band.

In Paris nahmen zwölf europäische Bands am Wettbewerb teil. Sie kamen aus England, Frankreich, Dänemark, Finnland, Deutschland und der Schweiz. PANCH 2000 belegte den vierten Rang mit ihrem Calypso Mind Yuh Business, komponiert von Len „Boogsie" Sharpe, arrangiert von Claudio Pini und Team. Gar zum Sieg reichte es PANCH 2000 mit ihrem Tune of choice Dichter und Bauer von Franz von Suppé, bearbeitet von Patrik Bernhard, Tamla Batra und der Dirigentin Yaira Yonne. Im Gesamtklassement erreichte PANCH 2000 in Paris den vierten Platz, womit sie sich für die Teilnahme am WSF 2000 qualifiziert hatte. Dafür musste zusätzlich zu den beiden anderen Stücken das Teststück Dawn of the Millennium von Rudy Wells einstudiert werden. Die Bearbeitung und Leitung übernahmen wiederum Patrik Bernhard und Yaira Yonne .

3. Logistik

Mit der doch eher unerwarteten Qualifikation für das WSF 2000 sah sich PANCH 2000 nun mit der Frage konfrontiert, ob man an diesem Anlass überhaupt teilnehmen wollte und konnte. Nach wenigen Wochen, nachdem berufliche und finanzielle Aspekte abgeklärt worden waren, wurde beschlossen, diese einmalige Chance wahrzunehmen. Substanzielle Unterstützung für Aufenthalt, Transport und Verpflegung durch die Behörden aus Trinidad und Tobago, sowie eine grosszügige finanzielle Unterstützung durch eine Gruppe von kulturell interessierten Sponsoren in der Schweiz halfen mit, diesen Entscheid zu fällen. Trotz den finanziellen Unterstützungen, die PANCH 2000 von aussen erhielt, hatte jedes Bandmitglied auch selber eine beträchtliche Summe zu entrichten, damit das ganze Projekt überhaupt möglich wurde. Die Gesamtkosten für das Projekt betrugen um die 100'000 USD.

4. Tuner

Drei Tuner begleiteten die Band zum WSF: Dudley Dickson (England), Esa Tervala (Schweiz/Finnland) und Werner Egger (Schweiz). Die Gesamtverantwortung für den Klang lag bei Esa Tervala. Der Klang von PANCH 2000 wurde in Trinidad und Tobago allgemein als „gut getunt" und „ausgeglichen" bezeichnet.

5. Dirigentin

Lassen wir die Dirigentin, Frau Yaira Yonne, ihren beruflichen Werdegang selber erzählen: "Ich wuchs, 1965 geboren, in Deutschland auf und erhielt eine umfassende Ausbildung als Dirigentin klassischer Musik mit dem instrumentalen Hauptfach Klavier. Meine dirigentischen Aktivitäten reichen von Barockoper bis zu zeitgenössischem Repertoire; meine musikalischen Interessen von afrikanischer Perkussion bis zu improvisierter Musik und Performance. Ausserdem trete ich als Klavierbegleiterin sowie in einem A-cappella-Ensemble in bunter Stilmischung zwischen Madrigal und Musical auf. Ich lebe als freischaffende Dirigentin in Basel und bin als Dozentin für Orchesterleitung und afrikanisches Trommeln tätig.

Da mir die Gruppe PANCH 2000 als ein ‚Ein Haufen Schwererziehbarer’ geschildert worden war, wurde ich sehr angenehm überrascht von der Offenheit der Mitspielenden mir gegenüber und der Bereitschaft, sich auf eine neue Erfahrung mit einer klassischen Dirigentin einzulassen. Die Einsatzbereitschaft und Hingabe der gesamten Gruppe hat zu einer musikalischen und emotionalen Tiefe unseres Vortrages geführt, die mich stark berührt hat und mir in meiner musikalischen Arbeit ein ganz besonderes Erlebnis darstellt. Daher würde es mich ausserordentlich freuen, wenn es zu einer weiteren Zusammenarbeit in einem Projekt von PANCH kommen würde."

6. World Steelband Festival 2000

Durch den Besuch dieses Festivals unternahmen viele Mitglieder der Band ihre erste Reise in ein tropisches Land. Die Band wurde sorgfältig über allfällige medizinische Probleme informiert (Hitze, Infektionskrankheiten, Ernährung, etc.) und auf soziale Besonderheiten hingewiesen. Fünf Tage vor Beginn des WSF 2000 flog PANCH 2000 nach Port of Spain. Die Band war die erste ausländische Teilnehmerin für das WSF, die in Trinidad eintraf; sie wurde von der Kulturministerin und von Vertretern des WSF 2000 sehr herzlich empfangen. Vom ersten Augenblick an war PANCH 2000 in der lokalen Presse ein Thema. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit und etwas Sightseeing begann die Band ab dem zweiten Tag ihren Übungsbetrieb wieder aufzunehmen. Geprobt wurde täglich von 09:30 h bis 13:00 h und von 17:00 h bis Mitternacht im Panyard von STARLIFT. Die Mitglieder dieser einheimischen Steelband waren ausserordentlich nett und hilfsbereit zu PANCH 2000.

PANCH 2000 begann den Wettbewerb hervorragend. Zur allgemeinen Überraschung gewann die Band die Vorausscheidungen (Preliminaries) vor den anderen 16 teilnehmenden Gruppen aus Trinidad und Tobago, Grenada, England, Finnland, Frankreich und den USA. Es bestätigte sich damit, was verschiedene Fachleute schon im Voraus festgestellt hatten: Das Calypso Arrangement von Claudio Pini und Team war sehr gut. Nun war klar, dass es auch der Jury gefiel. Besonders angetan waren Fachleute und Publikum von der Dirigentin von PANCH Yaira Yonne, die auf einem höheren Niveau agierte, als die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen am WSF 2000. In den Halbfinals erreichte PANCH den vierten Rang und qualifizierte sich damit problemlos für den Einzug ins Final, an dem die besten acht Bands teilnehmen würden. Im Final zeigte es sich, dass einzelne Bands noch ein paar Pfeile im Köcher hatten, die sie vorher nicht zeigten und sich damit merklich steigern konnten. Dies gelang den etwas erschöpften Schweizern nicht mehr. Eine hervorragende Darbietung des Tune of Choice und ein etwas verbremster Calypso brachten PANCH 2000 schliesslich auf den sechsten Schlussrang. Wir glauben, dass dies für eine Steelband, die zum grössten Teil aus Leuten besteht, die sich bisher lediglich als Hobby-Panists betätigten, in diesem Kreis der weltbesten Steelbands ein ganz grosser Erfolg darstellt.

© 2001 Martin Grah und Pit Zünd